Klassentreffen

„But they can't fill their places or ever be like the old pals of yesterday.“ - Jimmy Rogers

Die Bilder vom Klassentreffen, an dem er nicht teilnehmen konnte, weil er mit seiner Familie schon lange vorher eine Reise in die Vergangenheit der Mutter ausgemacht hatte, waren wie die Bilder seiner Eltern: Alte Leute, alle über 50, die wie ein Abbild einer anderen Generation waren. Nur mit dem Unterschied, dass dies seine Generation war; dies waren seine ehemaligen Klassenkameraden!

Fünfunddreißig Jahre unverändert im Gedächtnis und nun dies: Über Nacht von der Jugend beraubt und gealtert, teilweise unkenntlich, teilweise vergessen, teilweise einfach schockierend, wie die Zeit die Frische der Gesichter weggespült hatte. Und dann doch, bei längerem Betrachten, wieder bekannt, bekannte Strukturen bilden sich heraus aus all den Falten und, bei denen, bei denen es das Leben richtig gut gemeint hatte, dem Fett.

Die Wandlung geht von den Augen aus, die, obwohl matter, noch die Augen der Anderen sind. Augen von Leuten, die er gekannt hatte, die er gemocht hatte und mit denen er noch lange nach dem Schultag zusammen war. Augen von Leuten, die man gehasst hatte und einfach Augen von bedeutungslosen Menschen, damals wie heute. Sie, diese Wandlung, setzt sich fort über die Nase und den Mund, kehrt zurück zu den Augenbrauen, um endlich, nach den Ohren, das Gesicht als Ganzes zu erfassen. Nicht mehr dieses vorliegende Bild ist es; es ist ein neues altes Bild, das jetzt immer da sein wird und dieses reale Bild nie mehr sichtbar sein werden lässt.

Was er sieht ist dieses neue Bild, das nicht mehr nur Form und Farbe ist sondern auch Erinnerung und Geschmack und Geruch von damals, vom Freibad und den Mädchen dort. Da sind Fahrräder auf dem Bild und Bewegung, überlagert mit Musik und Gefühlen und dem Wunsch einfach weg zu sein.

Und wie er die Gesichter von den Bildern nicht hat altern lassen, so haben die Radiosender und die Filmemacher die Musik seiner Zeit konserviert, auf das auch heute Vierzehnjährige „The Sounds of Silence“ und „Mrs. Robinson“ trällern und den ganzen Text kennen, so wie er damals und auch heute noch.

Dies sind genau diese Vierzehnjährigen, die in dreißig, vierzig Jahren auf die Bilder dieser alten Leute schauen werden, die sie zuerst nicht erkennen werden