Fort Leichen

Gewidmet meinem Kameraden, dem damaligen Kommandeur und gemeinen Soldaten Werner, sowie unseren Müttern und Vätern.

Für Werner

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Fort Leichen war eines der kleineren Forts in unserer Gegend und diente in Friedenszeiten als Center Court und war Schauplatz energisch erkämpfter Siege, aber auch dramatischer Niederlagen im Federball. In Kriegszeiten jedoch war es Standort des Generalstabs zur Festlegung von Strategie und Taktik im Kampf gegen den Feind, der in der Regel aus Truppen der Nachbarschaft bestand.

Eine weitere, von der Besatzung nicht verstandene, Verwendung des Forts war die als Wäscheplatz und, offen und ehrlich gesagt, hatten die Mütter der Soldaten keinerlei Verständnis für die militärische Nutzung ihres Ortes leidenschaftlicher Sauberkeit. Es gab eben unterschiedliche Auffassungen über eine vernünftige Nutzung des Geländes, ein Widerspruch der sich nicht lösen lies und immer wieder zu aufgeregten Diskussionen führt.

Fort Leichen hatte eine mittlere Besatzung von ungefähr fünf Soldaten, die abwechselnd Hauptmann und dann wieder nur gemeiner Soldat waren. Das Altersdurchschnitt war so um die 8 bis 9 Jahre, was ziemlich genau auch dem Alter der jeweiligen Soldaten und des jeweiligen Hauptmanns entsprach.

Bezahlt wurde im Fort mit Münzen, deren Stückelung aus Münzen der Werte „3“ und „5“ bestand und die aus Blei hergestellt wurden. Der Grund für die eigentümliche Stückelung war genauso trivial wie der Grund für die Materialwahl: Irgendwann hatte die Einheit mal Metallstempel gefunden; einen mit einer „5“ und einen mit einer „3“. Das Material für die Münzen waren platt geklopfte Kugeln von der Schießbude, die jedes Jahr im September zur Kreuzer Kerwa aufgebaut wurde und dann, zumindest für die Dauer der Kärwa, einen nie versiegenden Quell für den Rohstoff zur Prägung von Münzen darstellte.

Kurze Zeit gab es auch den Versuch eigenes Papiergeld herzustellen. Dieser Versuch scheiterte dann aber an den mangelnden Fähigkeiten eine vorhandene Kupferplatte zu gravieren, aber das machte nichts, weil es, so wie es war, so und so nur ein begrenztes Warenangebot gab. Hie und da ein altes „Micky Maus“ oder ein Heft „Illustrierte Klassiker“. Dazu kam, dass das Währungsgebiet ziemlich klein war, nämlich so groß, wie ein acht- oder neunjähriger seinen Aktionsradius definiert.

Es wurde relativ schnell klar, dass dieses eigene Geld keine frei konvertierbare Währung war, schlimmer noch, dass sie überhaupt nicht konvertierbar war, mit dem Ergebnis, dass der jeweilige Verkäufer der begrenzten, dennoch wertvollen, Waren auf einigermaßen wertlosen Blei sitzen geblieben wäre, hätte er nicht seinerseits auch Dinge für dieses namen- und wertlose Geld eingekauft, wodurch insgesamt kein oder nur ein minimaler Schaden entstand.

Es gab auch einen Beobachtungsturm im Fort. Dieser Turm war ein Baum, direkt am nördlichen Eingang zum Fort. Von hier aus hatte man freien Blick zu den feindlichen Linien, deren Besetzung genauso häufig wechselte wie die Hauptmänner des Forts. Dieser Turm stand genau auf der Trennlinie zwischen Central Court, also dem eigentlichen Fort, und einem schwer begehbaren Dschungel aus dicht stehenden Sträuchern, die gegen Norden ein Quadrat bildeten. Im Westen des Dschungels gab es einen kleinen Schützengraben, zu dem von Norden und Süden jeweils eine Treppe hinunter führte und der in Friedenszeiten als Kellertreppe zum Nachbarhaus diente.

Die Dienstzeit verbrachte die Besatzung mit militärischen Übungen; im Sommer wurde unter anderem das Fesseln von Gefangenen geübt. Als Probanden mussten in Friedenszeiten Kameraden, in Kriegszeiten der Feind herhalten. Andere sommerliche Übungen beinhalteten den Fahrradweitsprung in den Sandkasten oder den Absprung von der Schaukel, in dem Moment, wo sie an ihrer höchsten Position war.

Das eigentliche sommerliche Highlight war allerdings das Zelten vor den Toren des Forts. Diese meist zweitägige Übung begann sinnvollerweise mit dem Aufbau eines Zweimannzeltes, das anders als heute üblich kein Kuppelzelt war, sondern aussah wie ein Hausdach, ohne dabei Hauszelt zu sein.

Als erstes wurde der Zeltboden auf der Wiese vor einer der heimatlichen Wohnungen ausgerichtet und mit Heringen befestigt. Danach kroch ein Freiwilliger ins noch flach daliegende Zelt und steckte dort das Gestänge zusammen und richtete damit das Zelt auf. An den beiden durch die Plane nach außen zeigenden Spitzen des Gestänges wurden Schnüre befestigt, anschließend gespannt und mit Heringen im Boden befestigt. Damit war der Rohbau fertig und wartete auf die Inneneinrichtung.

Es war erstaunlich zu sehen, was alles in so ein kleines Zelt rein passte. Da wurden Matrazen und Federbetten rein geschleppt und massenweise Wasser gelagert. Schinkennudeln wurden zur Verpflegung geliefert und ohne Ende wurden Micky-Maus-Hefte zur geistigen Nahrung eingelagert. Wenn dann das Monopoly-Spiel im Zelt lag, war alles zur Übung bereit.

Der Rest spielte sich, vom Pinkeln abgesehen, exklusive im Zelt ab. Da wurde im durch die Zeltwand verursachten künstlichen Dämmerungslicht stundenlang Monopoly gespielt. Die Regeln wurden gemäß der Situation interpretiert, neu definiert oder einfach ignoriert. - Diese Regelfindungen erfolgten dabei nicht immer harmonisch.

Wenn es langweilig wurde, wurde gelesen, und wenn das Lesen langweilig wurde, gab es immer noch die Schinkennudeln, die nach einer so aufregenden und anstrengenden Übung einfach köstlich schmeckten, auch wenn sie bis dahin schon kalt waren.

Dunkel wurde es gegen neun Uhr. Mit der Dunkelheit kam dann auch die aufregendste Zeit der Übung. Unbekannte Geräusche drangen von draußen durch die dünne Zeltwand und es war nicht immer klar woher diese stammten. Manchmal war die Herkunft der Geräusche durchaus bekannt, was diese Geräusche nur noch beängstigender machte, vor allem dann, wenn die Ursache ein um das Zelt herumsträunender Hund war.

Gegen Morgen kam die Zeit der Feuchtigkeit an der Zeltwand und der großen Kälte.

Aber nach all der Aufregung kam dann doch wieder die wärmende Sonne und mit ihr ein neuer aufregender Tag.

Oder es wurde auf einer der Wiesen vor den Häusern ums Fort herum Fußball gespielt. Hierzu war dann auch der zur Zeit aktuelle Feind eingeladen; der Krieg wurde sozusagen mit den friedlichen Mitteln des Sports fortgesetzt. Mindestens einer der Torpfosten war traditionsgemäß das Schild mit der nutzlosen Aufschrift „Betreten des Rasens verboten!“.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war der Begriff „friedliche Mittel“ meist irreführend, wenn nicht gelogen, da mangelnde Technik durch körperlichen Einsatz wett gemacht wurde. Erschwerend kam die Abwesenheit eines Schiedsrichters hinzu.

Sehr oft konnte aber kein eindeutiger Sieger ermittelt werden, da solche Matches mehr als einmal durch unverständige Erwachsene, die sich der friedfertigen Absicht solcher körperlichen Vergleiche nicht bewusst waren, beendet wurden.

Diese Beendigungen konnten ohne jegliche nachvollziehbare Begründung nur auf Grund der Macht des Stärkeren stattfinden, konnten aber auch durch die jeweiligen Mütter verursacht sein, die die Soldaten mit einer Aluminiumkanne bewaffnet, zum Zwecke der Nachschubbeschaffung, zum nächsten Lebensmittelladen schickten um dort einen Liter Milch oder ein Brot zu holen. Vielleicht musste auch Bettwäsche von der Heissmangel geholt werden oder dorthin gebracht werden, oder es musste ein Brief zum Briefkasten gebracht werden. Solche Aufträge wurden gerne angenommen, da in der Regel dabei auch eine Belohnung in Form eines Vanilleeis am Stiel für 20 Pfennig raus sprang, was entweder im Lebensmittelladen oder in der Gaststätte Laus gekauft wurde. Wenn alles richtig gut lief, konnte auch der begleitende Kamerad mit eingeladen werden.

Beendigungen konnten aber auch triviale Gründe haben. So konnte es sein, dass der Ball in den nachbarlichen Schrebergarten flog, der im Norden vom Fort und im Süden von der Eisenbahnlinie nach Thurnau begrenzt war, und der Nachbar dann auch noch anwesend war, was ein Klettern über den Zaun in den Garten unmöglich machte.

Oder die ganze Truppe marschierte zu der Siedlung der Amerikaner, kurz Amihäuser genannt, in der GIs und deren Angehörige lebten, um auf dem dortigen Spielplatz den Kindern dieser GIs zu zeigen, wie gut durchtrainiert die Truppe war oder um zarte Bande anzuknüpfen, meist jedoch beides zugleich.

Man konnte auch noch weiter bis zum „Bänkla“ ziehen, einer etwas versteckten Bank in der Nähe der Volksschule, in der die gesamte Truppe mit dem fürs Leben notwendigen Wissen versorgt wurde, um dort Verliebten bei ihrem Werben zuzusehen und zuzuhören, was aber meistens eher langweilig war. Tatsächlich war es erschreckend zu erleben, was das Alter aus vorher normalen Menschen machte, wenn erstmal 14 Jahre erreicht waren.

Oder die Truppe folgte der Bahnlinie in östlicher Richtung bis zum Teufelsberg um durch unvorsichtigen und illegalen Umgang mit Streichhölzern den ganzen dortigen Bahndamm abzufackeln. - Die Ankunft der Feuerwehr wurde dann aus sicherem Abstand beobachtet.

Im Winter wurde der Bau von Iglus geübt oder es ging mit dem Schlitten ins Manöver zum Indianerberg.

Diesen konnte man nur nach einem langen und gefährlichen Marsch durch feindliches Gebiet, über Felder und durch Wälder, erreichen, und alleine der Anmarsch nahm über eine Stunde in Anspruch. Dabei gab es die Möglichkeit Überfälle auf den Feind zu üben; manchmal musste allerdings auch ein echter abgewehrt werden. Als Einstimmung auf das eigentliche Ziel, konnte im Moosinger Wald schon die ein oder andere Abfahrt auf der Bobbahn, die zwischen Baum und Strauch führte, gemacht werden. Aufregend wie dies auch sein mochte, das Ziel stand unverrücklich fest: Aufstieg und anschließende Abfahrt am Indianerberg. Immer wieder und immer wieder, ohne Rücksicht auf Zeit oder nasse Kleidung. Rauf auf den Berg, runter auf dem Schlitten, dabei mehr als einmal von einem der Bäume am Ende des Berges gebremst.

Oder es ging zum Moosinger Weiher, der, wenn zugefroren, der ganzen Mannschaft erlaubte, Schlittschuhlaufen zu lernen und später, nachdem diese Kunst einigermaßen beherrscht wurde, Eishockey zu spielen. Die Regeln hierbei entsprachen im Großen und Ganzen den Regeln des sommerlichen Fußballs.

Nach solcher Tätigkeit, konnte die Truppe dann Proviant im Gasthaus Moosing fassen, wo es, anders als beim Metzger, bei dem es den Leberkäs auf Brötchen gab, der Leberkäs zwischen zwei Scheiben Brot war, die zuvor von Hand vom vom Brotleib geschnitten wurden.

Seit langer Zeit ist Fort Leichen selbst eine Leiche und der Jüngste von damals ist heute fünfzig, aber immer wenn er so in sich rein hört, dann hört er heute noch die Kommandos von damals, und wenn er richtig gut drauf ist, dann gibt er auch heute noch das ein oder andere selbst.

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Werner